Von Frauenfeindlichkeit, Vorurteilen und Deutschkursen

Melina, 22.02.2015

Vor etwa einem Monat war ich zum ersten Mal beim Unterricht direkt im Erstaufnahmezentrum. Seit zwei Wochen waren die Medien überschwemmt mit Meldungen über Köln. Täglich las ich mindestens 3 Mal von Vergewaltigungen, Berührungen, von Respektlosigkeit und kulturellen Differenzen. Und jedes Mal sagte ich mir: So ein Blödsinn. Unsere Schüler sind der absolute Gegenbeweis. Sie sind nicht die Ausnahme – sie beweisen: Köln ist die Ausnahme. Oder Köln ist die traurige, kulturübergreifende, alljährliche Regel und hat mehr mit unserer Gesellschaft zu tun als einer „fremden“. 

Doch ca. zwei Stunden vor dem Unterricht merkte ich plötzlich, dass ich trotzdem etwas nervös war. Ich überlegte, was ich anziehen sollte. Ich stellte mir vor, wie ich allein in ein Haus mit 500 Männern gehe. Von denen kenne ich ca. 70 – die alle total anständig, respektvoll, wissbegierig sind. Die anderen 430 – waren eine Dunkelziffer. Ich kannte sie nicht und ich war, so sehr ich mich dagegen wehrte, leicht verunsichert. Vielleicht waren unsere Jungs ja doch die Ausnahme und im Camp sähe alle ganz anders aus.

Dann kam ich im Camp an. Ein Betreuer führte uns durch unzählige Korridore. Dann hörte ich hinter mir ein lautes „Hallo“. Ich drehte mich um und da standen ein paar sehr vertraute, lachende Gesichter. Ich hatte das Gefühl, es wäre für sie was ganz Besonderes, dass sie hier, quasi bei sich zu Hause, in Jogginghose und Flipflops zum Deutschunterricht gehen können – dass wir zu ihnen kommen. Mit unserem kleinen Rudel an Freunden gingen wir also zum Unterrichtsraum – dort saßen ca. 40 weniger vertraute, aber ebenso offene, freundliche, lachende Gesichter. Und es war alles wie immer. Jeder schaute mir in die Augen. Jeder arbeitete fleißig mit. Jeder war genauso, wie ich es kannte: respektvoll, freundlich und voll Energie. Der Betreuer blieb lang beim Unterricht. Das finde ich sehr kompetent, doch unsicher fühlte ich mich überhaupt nicht mehr.

Die Stunde schritt fort und jemand von hinten meldete sich: es ginge zu schnell. Das nahm ich ernst und änderte das Tempo. Daraufhin hatte jemand von vorn das Gefühl, der von hinten hätte mich gekränkt und hatte das Bedürfnis, mich zu verteidigen und Mensch von vorn und Mensch von hinten begannen zu streiten. Beide waren ziemlich sauer auf einander. Vielleicht waren sie auf diese Situation so sauer, weil sie auf ihre ganze Situation sauer sind. Auf Ungerechtigkeiten. Auf ein hinten und ein vorn. Auf das ewige Warten, das „zu langsam“, oder das ewige Nicht-Verstehen, das „zu schnell“. Vielleicht. So oder so: Beide standen auf, wurden laut, gestikulierten heftig.

Da habe ich ihnen gesagt, sie sollen aufhören. Wir sitzen alle im selben Boot. Wir wollen alle lernen. Ich bin keine ausgebildete Lehrerin, ich mache Fehler. Sie sind Schüler, sie machen Fehler. Wir wollen gemeinsam Deutsch lernen, und wir können das nur gemeinsam.

Sie haben aufgehört zu streiten. Sie haben auf mich gehört. Das hat mich ziemlich beeindruckt. Zwei erwachsene Männer, die ziemlich wütend auf einander sind, vergessen ihre Wut, weil eine kleingewachsene, blonde Frau, ohne Kopftuch, ohne politische oder sonstige Position, es ihnen sagt. Sie entscheiden sich, einer Frau zuzuhören, statt einander die Köpfe einzuschlagen. Das ist das Frauenbild, das ich im Camp erlebt habe. Eine völlig andere Geschichte, als sie von den Medien seit Silvester erzählt wird. Damit will ich gar nicht sagen, dass eine Geschichte wahrer ist als die andere. Ich finde nur, es ist wichtig, beide zu erzählen. Und sich nicht von der eigenen Angst lenken zu lassen.

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