Vom Weitermachen, Zusammenhalt und 7 Minuten Chaos im Audimax (Schutzbefohlene Performen Schutzbefohlene)

Melina, 21.04.2016

Draußen scheint die Sonne, der Himmel ist blau, die Gesichter tauen auf und deshalb fällt es mir nicht leicht, wieder an den Donnerstag im Audimax zu denken. Ich saß in der zweiten Reihe, als plötzlich „Identitäre“ in den Saal stürmten. Dieser Text ist NICHT für sie. Er ist NICHT für jene, die versuchen, den Lauf der Dinge aufzuhalten. Er ist für jene, die ihn vorantreiben. Für die, die weitermachen, sich nicht einschüchtern oder unterkriegen lassen – von der Politik, den Medien, oder Nebenprodukten des Faschismus und Nationalstaats. Ich will nicht von 7 Minuten Chaos sprechen sondern von dem, was danach passiert ist.

Wir saßen vorn, das Stück hatte erst vor ein paar Minuten angefangen. Als dann plötzlich die Türen aufgingen und ca. 15 Männer hereinstürmten, war ich erschreckt. Gleichzeitig redete ich mir so lange nur möglich ein, dass alles zum Stück gehört. Ich verdrehte meinen Schock in Bewunderung für die Inszenierung. Ich hoffte so sehr, die aufgeschreckte Muslima neben mir, die mit ihrem Baby ängstlich hinauslief, sei eine Schauspielerin. Selbst als nach wenigen Minuten alles vorbei war und der Regisseur sagte, das sei kein Teil des Stücks gewesen, glaubte ich ihm nicht. Ich konnte kaum noch glauben, dass sie so einen Überfall inszenieren würden. Doch ich konnte noch viel weniger glauben, dass so etwas WIRKLICH stattfand. Dass es da draußen Menschen gibt, die ihnen völlig unbekannte Menschen anschreien und stoßen. Dass ein Stück von Geflüchteten über Geflüchtete als „Dekadenz“ empfunden wird. Ich konnte es nicht glauben, weil ich es nicht verstehen konnte und ich verstehe es immer noch nicht.

In Thailand sagt man für „ich verstehe“ „ich habe es in meinem Herzen“. Ich kann nicht spüren, wie so ein Mensch denken oder fühlen muss. Aber wahrscheinlich könnte ich sonst nicht weitermachen, weiter hoffen, weiter glauben an das Gute im Menschen. Womit wir dazu kommen, was NACH dem Vorfall passiert ist.

Einige SchauspielerInnen blieben in der Umkleide. Der Großteil spielte weiter. Und die Aufführung hatte nun ein Gewicht, dass mich fast erschlug. Das Lachen an ironischen Stellen blieb einem im Halse stecken. Jeder Schrei des Offiziers ließ einen zusammenzucken. Die Worte legten sich schwer über den Raum. Die kleinen, erhobenen Fäuste der Kinder gehörten dem Widerstand, den sie gerade eben ausführten. Der Überfall war echt. Damit war auch alles andere echt. Die Lieder waren echt. Jelineks Text war echt. Die Tränen waren echt. Der Schmerz war echt. Der Zusammenhalt war echt.

Und diese Echtheit, diese Authentizität, ist kaum auszuhalten und kaum zu beschreiben. Mein Herz tat weh beim Versuch, die Identitären zu verstehen und es platzte fast, weil ich jeden der anderen fast 1000 Menschen im Raum verstand. Ich „hatte alle in meinem Herzen“.

Rilke schreibt: „Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit: An ihren morgenroten Molen sterben die ersten Wellen der Unendlichkeit.“

Wo unsere Seelen aufhören, fängt die Unendlichkeit an. Am Donnerstag haben unsere Seelen nicht aufgehört.

Deshalb bin ich froh, dass ich da war. Ich bin froh, dass ich erlebt habe, wie die verzweifelte Identitätssuche weniger Verirrter zu einer viel größeren Kollektividentität aller anderen geführt hat. Ich bin froh, dass ich in einer Welt lebe, in der ich nicht alles verstehe und in der ich nicht allein bin. In einer Welt voller Menschen, die weitermachen. Weiterspielen. Weiterleben. Sich nicht unterkriegen lassen sondern nur noch besser, noch tiefer, noch echter werden mit jeder Hürde, die ihnen in den Weg gestellt wird. Ich bin froh, dass im Publikumsgespräch am Ende des Stückes keine Furcht da war, kein Hass, sondern nur tiefe gegenseitige Dankbarkeit und zwischen Publikum und Schauspielern. Dafür, dass sie da waren und dass sie weitermachen. Ich danke diesen Menschen auf der Bühne von ganzem Herzen für ihren Mut und ihren Einsatz.

Sobald ich dann aber länger draußen war, wurde es mir fast zu viel. Was in der Menge stark und groß war, war zu stark und groß für mich allein. So bin ich dann auch nicht nach Hause gefahren, weil ich nicht allein schlafen wollte.

Und dann kam der Freitag, unter einer bezeichnenden Wolkendecke und mit dicker Luft.

Am Samstag schien wieder die Sonne. Der Himmel war blau. Die Schwere löste sich auf. Wir gingen mit den Jungs aus Erdberg zum Kolonitzplatz zum „Spiel für den Frieden“. Gemeinsam mit den Kindern der Nachbarschaft haben wir mit Malkreiden gemalt, T-Shirts bedruckt, Basketball gespielt. Beim Ballspielen stand ich außen und es war mir nicht ganz klar, wer in welchem Team spielt. Ich fragte nach: es gab keine Teams. Es gab keine Regeln. Es gab nur Menschen, die gemeinsam Freude an der Sonne, am Spiel, am Leben hatten. Ich bin dankbar für diesen Samstag und alle anderen Tage, an denen ich diese Art zu leben sehen darf. Manche Geschehnisse werde ich nie verstehen, und das ist gut so. Mein Herz ist voll. Von Tagen wie diesem Donnerstag danach und dem Samstag.

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