REDEN wir mal Klartext

Geri, 22.11.2015

Die Stimmung in unseren Kursen steht an der Kippe. Unsere Jungs haben wieder Angst um ihre Zukunft. Sie fühlen sich wohl hier, haben Freunde, viele haben einen Schulplatz, unterhalten sich problemlos auf Deutsch. Doch sie lesen Berichte, über Maßnahmen und Pläne. Sie kriegen Debatten mit. Es wird ihnen in einer Woche gesagt, sie wären vielleicht nächste Woche nicht mehr da. Vielleicht kommen sie nach Vorarlberg, Salzburg – oder…zurück.

Das ist nicht leicht. Für niemanden. Deshalb ist Diskussion wichtig, Lösungsansätze sind wichtig. Die Situation zu ignorieren (wie im Sommer) wäre falsch. Der Standard hat über die momentane Situation in der Flüchtlingsdebatte oft berichtet. Diese Woche wurden in mehreren Berichten dafür Fotos von unseren Deutschkursen verwendet. Wir begrüßen Berichtserstattungen und Diskussionen. Aber drei Punkte gehen uns dabei sehr nahe und laufen, bei allem guten Vorsatz, im Moment noch ziemlich daneben.

REDEN WIR MAL KLARTEXT, indem wir euch auf dieser Weise unseren Standpunkt zu den Debatten und Berichtserstattungen darstellen:

1. Berichterstattung/Diskussion ist gut. Danke lieber derStandard.at. Wir fühlen uns geehrt, dass ihr Fotos aus unserem Deutschkurs als Beispiel nehmt. Das gibt uns das Gefühl, dass unsere Kurse geschätzt werden und als Beispiel dienen. Danke, dass ihr politische Debatten öffentlich präsentiert und somit eine politische Teilnahme ermöglicht. Das ist ein wichtiger erster Schritt, wir freuen uns auf weitere.

Nur werden die Fotos nicht im richtigen Kontext gezeigt – der wäre nämlich: „Deutschkurse von Freiwilligen, für Flüchtlinge, die noch keinen Zugang zu staatlichen Kursen bekommen“. Der Kurs, der auf dem Foto zu sehen ist, entstand nur, weil es nicht genug Kurse von „im Sparkurs befindlichen Arbeitsmarktservice“ angeboten werden.

2. Das führt uns zu Punkt 2, der uns nicht loslässt. In den meisten Artikeln wird Integration sehr einseitig dargestellt – es werden Anforderungen an die Angekommenen formuliert – ihre Möglichkeiten, die Anforderungen zu erfüllen, werden ausgeblendet. Die Flüchtlinge werden für nutzlos erklärt – das ist ein Angriff gegen sie und gegen uns. In Wien sitzen viele motivierte, integrationswilllige Menschen. Sie warten nur auf ihre Chance, etwas zu lernen, etwas zu machen, mitzuhelfen. Doch statt einer Chance begegnen sie Verboten, Kürzungen, Vorurteilen, endlosen Debatten. Sie werden gezielt von WienerInnen isoliert und auch unter sich nicht vernetzt. Sie haben tausende Kilometer hinter sich, Unschaffbares geschafft. Sie brauchen ihre Brötchen nicht geschenkt. Sie brauchen die Möglichkeit, sich ihre Brötchen legal zu verdienen. Sie brauchen zwar Hilfe, aber sie sind nicht hilflos. Sie können sich selbst, gegenseitig, umeinander kümmern. Das sind nicht nur Flüchtlinge. Es sind Menschen. Es sind unsere Freunde. Sie schaffen das Chaos nicht. Es wird ihnen nur nicht erlaubt, es aufräumen, obwohl sie gern würden.

3. Zu dem aktuellen Integrationsplan: Auf dem Papier klingt das vielleicht ganz gut. Das liegt daran, dass es auf Papier entworfen wurde, und nicht draußen in der wirklichen Welt. Diese Menschen brauchen keine Pläne und kein Papier. Sie brauchen Zugehörigkeit. Und wenn schon nicht geholfen wird, dann soll wenigstens keiner beim Helfen stören. Sie sind da. Hier. Bei uns. Sie mögen uns, wir mögen sie. Vielleicht sind sie für den Wiener Geschmack manchmal zu nett – aber das lernen sie schon. Sie brauchen keinen Crashkurs, der ihnen sagt, dass hier beide Geschlechter gleichgestellt sind. Sie brauchen kein Papier, dass ihnen das sagt. Sie brauchen

Zugehörigkeit, sie brauchen Menschen. Sie brauchen Frauen und Männer, die ihnen gleichberechtigt gegenüber treten und in die Augen schauen.

In unseren Kursen müssen wir nicht großartig von Gleichberechtigung reden. Sie sind da, sie lernen uns kennen, sie sehen uns nebeneinander unterrichten und sie verstehen. Was sie brauchen, ist Kontakt und Verständnis. Sie sind keine Hürde, die wir als Gesellschaft überwinden müssen – sie sind selbst die Möglichkeit, die ihnen im Moment noch verwehrt wird. Sie brauchen keine Ressourcen, sie bieten Ressourcen, die sie nur noch nicht einsetzen dürfen. Wir brauchen keinen 50-Punkte-Plan, keine Strafen, keine Bürokratie und keinen 8-stündigen Wertekurs, um zu verstehen, dass diese Krise gar keine sein müsste. Alles, was sie brauchen, ist ein bisschen guter Wille und Anerkennung.

Die Links zu den Artikel, wo Fotos von unseren Kurse zu sehen sind:

http://derstandard.at/2000026078936/Kurz-Integrationsplan-Schoene-Worte-offene-Finanzierungsfragen

http://derstandard.at/2000026006731/Asylberechtigten-droht-Kuerzung-von-Sozialleistungen

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