Improtheater im ersten Kulturcafé

Melina, 18.10.2015

13 Uhr 20. Noch niemand da. Wir sitzen im oberen Stock der Baumgasse um einen Tisch voller Kaffee, Kuchen und Obst und warten. Draußen regnet es. Ob überhaupt jemand kommt? Es muss jemand kommen – schließlich ist das unser erstes Kulturcafé und wir haben fleißig Werbung gemacht. Könnte es sein, dass die Jungs unten warten? Nein, sie kommen doch sonst immer rauf. Währenddessen blinkt in meiner Tasche mein Handy mit Facebook-Nachrichten. „Wir sind hier. Wo bist du?“.

Gegen halb 2 finden wir uns endlich. Ein bekanntes, freundliches Gesicht nach dem anderen kommt durch die Tür, aus dem Grau und ins Warme. Freudig und eilig und gleichzeitig noch in Gedanken zum Organisations-Treffen versunken tragen wir unser kleines Buffet vom ersten Stock ins Erdgeschoss. Die Jungs spielen in der Zwischenzeit schon Karten. Einige bieten uns ihre Hilfe an. Hilfe annehmen müssen wir wohl erst selber lernen. „Corinne, lange nicht gesehen!“ Corinne macht jetzt fast nur noch den Alphabetisierungskurs. Die Jungs erzählen, dass sie nicht wissen, wie lang sie bleiben dürfen, dass viele kommende Woche weg müssen. Sie wissen nicht, ob sie in Wien bleiben können oder in andere Gemeinden verschoben werden. Das trifft uns. Wir wussten, dass das Heim sich verändert – aber nicht so schnell, nicht so drastisch – und wir waren fest überzeugt, dass wenigstens die Jungs mit einem Schulplatz auf jeden Fall in Wien bleiben können. In jedem Hals bildet sich ein Kloß und in der Ecke müssen erst einmal ein paar Umarmungen ausgetauscht werden (fürs Protokoll: unter uns Lehrerinnen, die Jungs sind eigentlich härter im Nehmen als wir). Dann sagen wir ihnen, dass sie immer wieder kommen können – egal, wo sie wohnen, bei uns haben sie immer einen Platz. Auch das ist für uns mindestens so wichtig wie für sie. Bevor wir alle zu heulen anfangen, verdrängen wir das Thema, sagen uns, dass alles gut wird, wir abwarten müssen, und wir fangen an.

Ich bekomme von Geri einen weißen Hut. „Das ist jetzt der Kulturcafé-Hut. Wer das Kulturcafé leitet, trägt den Hut.“ Einige verwirrte Gesichter „Das heißt, ich habe heute die Leitung“ Immer noch Verwirrung „Die Verantwortung“ …. „Ich bin heute Chef“. „Ahh!“ jetzt haben’s alle verstanden.

Dann geht es jetzt wohl los – mit der Theorie. Tagesthema: Improtheater. Als TFM-Studentin sollte ich mich gar nicht bremsen können, wenn es darum geht, über Theater zu reden. Aber seit Deutsch ohne Grenzen, habe ich immer weniger Lust auf reden und immer mehr Lust auf machen.

– „Also wir machen heute Theater. Wisst ihr, was Theater ist?“
„Ja“
„Was heißt Theater auf Farsi?“
„Theater.“

Damit ist das wohl erledigt und wir können endlich spielen. Hoffentlich macht es ihnen Spaß ist nicht zu kompliziert.

Alle stellen sich im Kreis auf und mit der Macht des Hutes erkläre ich die ersten Spielregeln zur Vorstellungsrunde. Bum. Schon prallt der „Ball“ (ein Paar rote Socken) von der ersten Brust ab und fällt in die Kreismitte und alle müssen lachen. Der „Ball“ fliegt durch die Luft, auf den Boden, durch die Luft, auf den Boden, hinter das Sofa und zwischen Namen wird gelacht.

Wir bleiben in unserem Kreis und geben mit unterschiedlichen Lauten ein Klatschen untereinander weiter. Wieder bricht schnell Chaos aus, neue Klatscher entstehen aus dem nichts und alte werden verloren, aber das macht ja nichts, Hauptsache, es macht Spaß. Deshalb tut es mir leid, als einer der Jungs den Dreh nicht wirklich rauskriegt und sehr ernsthaft und bemüht nach links und rechts klatscht und dabei die entsprechenden Laute vor sich hinmurmelt.

Dann werden wir unterbrochen. Der Rest unseres Trupps trudelt ein, noch 5 Leute drängeln sich fröhlich durch die Tür und in unseren Kreis. In der Runde sind jetzt zwei Pakistaner und wir lernen das persische Äquivalent zum deutsch-österreichischem „Knödelfresser“ – der „Linsenfresser“ –Daal chor (oder so). Masoomi, der zweite Pakistaner, kommt herein, und Billie fragt ihn „bist du auch ein ….?“ Schallendes Gelächter, Masoomi dreht sich um und hämmert theatralisch seinen Kopf gegen die Wand. Theresa erklärt im Lehrerinnen-Modus das Wort Knödelfresser. Jetzt müssen wir nur sicher gehen, dass sie nicht auf der Straße die Leute mit Knödelfresser anreden, die finden das sicher weniger lustig. In solchen Fällen sind wir zwiegespalten und zerrissen – zwischen unserer Funktion als Lehrende, die sie auf die Gesellschaft vorbereiten und vor Missverständnissen schützen – und unserer Funktion als Freunde, die einen Ort geben, wo Missverständnisse und Probleme gar nicht existieren sollten. Wenigstens am Sonntag Nachmittag sollten sie sich keine Sorgen machen, was sie sagen, oder? Gleichzeitig sehe ich vor meinem inneren Auge, wie einer unserer Jungs unschuldig eine ältere Wiener Dame fragt, ob sie ein Knödelfresser ist. Ich sehe ihre Empörung und seine traurigen, verwirrten Augen. Also „Knödelfresser – mit Freunden: lustig, mit Fremden: nicht so gut“. Und schnell zum nächsten Spiel.

In Paaren stehen wir uns die Jungs einander gegenüber – jeweils einer spiegelt den anderen. Aber dafür sind alle viel zu lebhaft, die Bewegungen gehen so schnell, Hände fliegen durch die Luft und weil sie alle bei jeder Grimasse vor Lachen krümmen, weiß niemand mehr, wer eigentlich der Spiegel war. Billie und ich schleichen uns mit Kameras zwischen die Spiegel und Gespiegelten und es ist richtig schön zu sehen, wieviel Spaß alle haben.


Dann machen wir es noch ein bisschen komplexer. Jetzt gibt es unterschiedliche Spiegel, die das Spiegelbild verzerren. Neugierig stehen alle da und warten. Billie traut sich vor und stellt sich vor den ersten Spiegel. Sie hebt die Arme und der „Spiegel“ bricht in schallendes Gelächter aus. Billie weicht zurück. Das war der lustige Spiegel. Theresa als trauriger Spiegel hatte es besonders schwer: traurig schauen ist in dem Kontext nicht einfach. Dann stellt sich jemand mir gegenüber. Ich bin der Vergrößerungs-/Verstärkungs-Spiegel. Er legt die Hand auf die Stirn – Ich schlage mir die Hand ins Gesicht und den Kulturcafé-Hut vom Kopf und zum Glück musste mein Gegenüber auch lachen, als Spiegel hätte ich nämlich trotzdem nicht anders gekonnt.

Nach den Spiegelungen kommen wir zum letzten Spiel, auch wenn uns das zu dem Zeitpunkt noch nicht so bewusst ist. Wieder stehen wir im Kreis – jemand sagt einen Satz…ach schaut es euch einfach an:

Also für alle die nichts verstanden haben: Ich gehe in den Deutschkurs, Ich komme aus Pakistan, Du bist zu spät. Aber was ziemlich eindeutig ist: alle haben ihren Spaß :).
Besonders komisch ist nicht nur immer die letzte Person im Kreis – sondern vor allem der in der Mitte, der nicht kapiert, welche Emotion gerade dran ist und auf einmal die ganze Stimmung wechselt.

Danach sind wir langsam wirklich kaputt. Lachen ist gesund – aber anstrengend. Sich selbst ins Gesicht schlagen ist weniger gesund – aber auch anstrengend. Pause! Auch unserem DOG-Team geht langsam die Puste aus. Es war doch ein körperlich und emotional anstrengender Tag, ein Wechselbad aus Sorgen und Fröhlichkeit. Wir machen uns übers Buffet her, setzen neuen Tee auf. Schon liegen die Spielkarten wieder auf dem Tisch, private Gespräche fangen an, alles wird ruhig.



15 Uhr 15. Vielleicht noch ein Spiel zum Schluss, aber jetzt gönnen wir uns allen diese Pause. Irgendjemand fängt an, Servietten zu falten. Theresa und Jasin bauen ein Himmel-und-Hölle-Spiel. Wie viele Kinder kriegen wir? Das Schicksal erlaubt 1 bis 8. Komischerweise kriegen fast alle 6 Kinder. Das geht sich nie aus – Geri und Alen beschließen, dass ein Teil ihrer Kinder einfach nicht von ihnen ist. Nächste Frage: wann kriegen wir das erste Kind? Ahsan kriegt in 7 Jahren das erste Kind. Das macht ihn richtig fertig. Immer tiefer rutscht er im Sofa in sich zusammen und kann nur noch den Kopf schütteln.

Ich gehe rüber zum Tischfußball. Das ist für mein Team der Ruin. „Kein Problem“ sagen sie. Sonst sind sie so ehrgeizig beim Spielen, aber niemand ist jemandem böse. Ich habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen – wenn sie sich ein bisschen ärgern würden über meinen miserablen Torwärter, wäre das komischerweise sogar leichter.

Wir beschließen kollektiv, dass wir jetzt bis zum Schluss Pause machen und den Tag gemütlich ausklingen lassen. Ich lasse mich auch auf ein Sofa fallen. Es war ein echt anstrengender und echt lustiger und echt schöner Tag und ich freue mich schon wie verrückt auf den nächsten Sonntag.

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