Ich unterrichte Deutsch, weil ich Angst habe…

04.03.2016 Geri

Ich unterrichte Deutsch, weil ich Angst habe…

Ein Studienkollege von mir (ein Psychologiestudent) meinte gestern zu mir, er verstehe, warum ich bei „Deutsch Ohne Grenzen“ so engagiert sei. Er hätte nämlich diese sinnlose Theorie, ich hätte von den Medien viel Angst bekommen und würde mich vor die Gruppe stellen, um mich zu beruhigen und diese Angst im weiteren Folge zu „besiegen“.

„SO EIN SCHWACHSINN!“ – dachte ich mir in dem Moment…

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…heute hatten die BewohnerInnen Sandwiches als Jause. Wir aßen zusammen und räumten anschließend den Esstisch auf. Wir waren dabei, uns Tee zu kochen, als mir ein Junge eine Schachtel gab und mir erzählte, er müsse in ein paar Stunden nach Salzburg fahren. Er würde dahin transferiert, „hoffentlich das letzte Mal“ – meinte er. Das ´Hin-und-her´ war ihm in den letzten paar Monaten schon zu viel. Auf der Schachtel stand gut leserlich: „Danke mine Freund für mine Deutsch (sic!)“. Das war anscheinend ein Geschenk für mich… er entschuldigte sich dann unerwartet, dass er sich kein richtiges Geschenk leisten könne und dass er mir leider nur ein Heft und einen Stift schenkt, es wäre alles, was er hat…

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… es war kurz vor Weihnachten. Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem traditionell zu Weihnachten keine Geschenke ausgetauscht werden. In Wien hatte ich bis jetzt Weihnachten auch nicht groß gefeiert. Alle Freunde, die eben Weihnachten feiern, sind Ende Dezember bei ihrer Familie. Ich bekomme nur ein Geschenk von meiner Tante aus Oberösterreich. Dieses Jahr bekam ich zwei zusätzliche Geschenke und hatte eine wirklich ruhige und besinnliche Weihnachtszeit. Einer von den Jungs erklärte mir, sie hätten in der Schule darüber geredet, dass man in Wien der Familie und den Freunden etwas zu Weihnachten schenkt. Er kaufte ein Geschenk für seinen Mitbewohner, seinen besten Freund und eins für mich, denn „Familie hat er keine mehr…“. Sein Blick verdunkelte sich auf einmal und er schaute kurz zu Boden, umarmte mich und lächelte dann wieder mit feuchten Augen. Er meinte, er hofft, dass es passt, weil er noch nicht richtig weiß, was da man sich so schenkt…

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… es war irgendwann im November. Er kam allein an – pünktlich. Man konnte es sehen, er war gelaufen, um sich nicht zu verspäten.
– Wo sind die anderen?
– Essen
– Du hast schon gegessen?
– Nein, ich hatte schon zum Mittag gegessen. Morgen kann ich wieder essen. Ihr seid nur ein Mal in der Woche da. Bin lieber mit euch als beim Abendessen.
Nach dem Kurs blieb er noch 40-50 Minuten und brachte mir ein paar Sätze auf Persisch bei. Seine Zeit und Geduld bedeuten in so einer Lebenssituation sehr viel. Er entschied sich, sie mir zu schenken. Was noch schlimmer war, ich habe es mit Schreiben und Zeichnen nicht so drauf und es war für ihn nicht leicht, mir die Schrift beizubringen. Er stellte mir aber alles vereinfacht dar und erklärte es nachvollziehbar– wie ein echter Pädagoge halt…

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„SO EIN SCHWACHSINN!“ – dachte ich mir gestern. Aber vielleicht stimmt es sogar, denke ich mir heute. Ich unterrichte wirklich nur, weil ich Angst habe.
Ich habe Angst, dass ich sonst das alles verpassen würde.
Ich habe Angst, dass ich diese tollen Menschen sonst nie kennengelernt hätte.
Ich habe Angst, dass ich keine originellen, tiefsinnigen, „nicht materiellen“ Geschenke mehr bekommen werde.
Ich habe Angst, dass ich mir all die Sprachkurse sonst nicht leisten könnte.
Ich habe Angst, dass das der letzte Tropfen Menschlichkeit ist, die ich erleben darf.

Und NEIN – diese Angst hat mir keine Zeitung eingeredet. Diese Angst kommt nur aus meinem Herzen, das mir sagt: Morgen wirst du das hier vermissen, wenn es nicht mehr da ist.

Ich unterrichte eben, weil ich Angst habe…

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